Konkurrent im Kampf um die Meisterschaft: Türkgücü München

Mit dem Gastspiel in Passau, beim SV Schalding-Heining, beginnt heute Abend um 18:30 Uhr für Liganeuling Türkgücü München die erste Regionalliga-Saison. Rückblick: Während man heute offen von zweiter Liga und „neuer Kraft im Münchner Fussball“ spricht, ging der Verein vor zwei Jahren – damals noch unter dem Namen SV Türkgücü Ataspor München – in der Landesliga Südost an den Start. Bereits damals, zur Saison 2017/2018, sorgte der Münchner Klub für Aufsehen: Nachdem Mittelfeldspieler Pablo Pigl nach einer Saison in Schweinfurt nach Erfurt in die Dritte Liga wechselte, ging es nach 37 Einsätzen für Rot-Weiß zu Türkgücü. Sechste Liga vor kaum mehr als 100 Zuschauern, statt Dritter Liga und Profifussball. Gezahlt wurde wohl schon damals ganz ordentlich bei Türkgücü. Nun, zwei Aufstiege später, wurde der Kader einmal komplett auf links gedreht und so ist auch Pigl bereits wieder Geschichte bei Türkgücü und steht zur neuen Saison in Pipinsried unter Vertrag. Bayernliga Süd mit seinem ehemaligen Schweinfurter Mittelfeldkollegen Steffen Krautschneider also.

Zurück in die Gegenwart: Übersetzt bedeutet Türkgücü soviel wie „türkische Kraft“. Und Kraft in Form von ausreichend finanziellen Mitteln scheint beim Aufsteiger reichlich vorhanden. Folgt man den Worten des Klubpräsidenten Hasan Kivran, spielt Türkgücü in vier Jahren in der Zweiten Liga. Mindestens. Verantwortlich dafür, dass dieser Schritt auch gelingt, ist Kaderplaner Robert Hettich, der seit vergangenem November die sportlichen Geschicke der Münchner leitet. Zuvor war Hettich bereits einige Jahre als Teammanager beim Lokalrivalen 1860 tätig, den man lieber heute als morgen überholen möchte. Und auch der neu installierte Trainer hat eine Vergangenheit als Löwe: Reiner Maurer, zuletzt in der zweiten thailändischen Liga als Übungsleiter tätig.

Als in der vergangenen Saison die Meisterschaft in der Bayernliga Süd fix und der damit verbundene Aufstieg in die vierte Liga sicher war, wurde bei Türkgücü jeder noch so kleine Stein umgedreht. Der alte Vereinsname sei laut Vereinsführung „schlicht zu lang gewesen, außerdem wäre in den Medien mal von Türkgücü, mal von Türkata, mal von TGA die Rede gewesen“, also geht man nun als „Türkgücü München“ an den Start. Mit neuem Logo, klar. Sportlich herausgekommen ist ein Kader, der für einen Aufsteiger beachtlich ist und der keinerlei Zweifel an der Zielsetzung des „Projektes Türkgücü“ übrig lässt. Nach der Umstellung auf Vollprofitum blieben so lediglich vier Spieler der Meistermannschaft übrig. Stolze 21 Neuzugänge sollen möglichst schnell als Mannschaft zusammenfinden, was gemessen an den Testspielergebnissen hervorragend zu funktionieren scheint. Nach einem 1:1 gegen Eintracht Freising folgten Kantersieg und Kantersieg: Ein 12:0 gegen den letztjährigen Bayernliga-Konkurrenten SV Pullach, ein 6:0 gegen den TSV Landsberg (Bayernliga-Aufsteiger), ein 16:0 gegen den ATSV 1871 Kelheim (Bezirksliga), ein 5:1 gegen den Absteiger FC Ingolstadt II und ein beachtliches 4:0 gegen den Europa-League-Qualifikanten Levski Sofia aus Bulgarien. Die Generalprobe gegen Meister Bayern München II am vergangenen Sonntag endete 0:0, spielerisch konnte Türkgücü auch in dieser Partie überzeugen.

Gerade die Offensive des Aufsteigers scheint, was Qualität und Erfahrung angeht, mit die stärkste der Liga zu sein: Aus der Meistermannschaft ist in diesem Mannschaftsteil lediglich Stürmer Masaaki Takahara (8 Treffer zum Aufstieg) übrig geblieben. Neu dazu kommen Serhat Imsak aus Ingolstadt, Marian Knecht (letzte Saison 9 Treffer für Pipinsried), Patrick Hasenhüttl (23 Tore in 84 Regionalliga-Partien für Ingolstadt), sowie Furkan Kircicek (letzte Saison 14 Tore und 9 Vorlagen für Memmingen) und Karl-Heinz Lappe. Besonders Lappe, der aus der Regionalliga Südwest vom FSV Mainz 05 II nach München gekommen ist, steht für Erfahrung und Tore satt: In den vergangenen vier Jahren standen beim Angreifer, der bereits über 70 Treffer in der Regionalliga Bayern und 33 Treffer in der Regionalliga Süd verbuchen konnte, am Ende der Saison eine zweistellige Toreausbeute. Für einen Aufsteiger ganz sicher ein absoluter Toptransfer.

Im Mittelfeld sticht vor allem Kasim Rahibic heraus, der aus Pipinsried nach München gewechselt ist: Stolze 14 Treffer un 8 Vorlagen machten den Offensivspieler in der vergangenen Regionalligasaison zu einem der besten Scorer, bei einem Absteiger wohlgemerkt. Marco Holz vom FC Saarbrücken, Kilian Fischer aus der U19 der Sechziger, Benedikt Kirsch von den Kleeblättern aus Fürth, sowie Stefan Wächter aus Burghausen und Ex-Schnüdel Dominik Weiß komplettieren das stark besetzte Mittelfeld.

In der Defensive bediente sich Türkgücü beim letztjährigen Überraschungsteam VfB Eichstätt: Vom bayerischen Amateurmeister kamen die beiden Verteidiger Thomas Haas und Michael Zant. Erfahrung im höherklassigen Profifussball bringen die beiden Defensivspezialisten Mario Erb (Uerdingen), Alexander Sorge (Zwickau) und Furkan Zorba (Osnabrück) mit. Vor allem Erb, der bereits mit Bayern München II, Alemannia Aachen, Unterhaching, Erfurt und Uerdingen in über 200 Drittliga-Spielen auf dem Platz stand, gilt hier als Königstransfer.

Die Torhüterposition scheint doppelt gut besetzt: Mit Maximilian Engl (VfR Garching) kommt ein junger Torhüter, der auch bei einigen höherklassigeren Klubs auf dem Zettel stand. Zudem sitzt mit Franco Flückiger, aus Burghausen kommend, ein gestandener Regionalligatorwart auf der Bank.

Betrachtet man den Kader der Münchner, so wird recht schnell deutlich, wohin die Reise gehen soll. Und das nicht erst nächstes oder übernächstes Jahr, sondern schon dieses Saison, zumal der Meister der Regionalliga Bayern ohne Relegation fix aufsteigen wird. Die Regionalliga gilt lediglich als Zwischenstopp. Understatement hin oder her. Kaderplaner Hettich verweist an dieser Stelle gerne auf Schweinfurt, so seien die Schnüdel für ihn der Topfavorit und Türkgücü sollte irgendwo unter den ersten Sechs landen. Intern dürfte die Zielstellung, mit dem ehrgeizigen Präsidenten und potenten Sponsoren wie dem Molkerei-Unternehmen Gazi, dem im Versicherungswesen und im Risikomanagement tätigen Unternehmen AON und dem Reisekonzern FTI im Hintergrund, eine andere sein. Druck scheint genügend vorhanden zu sein in München, und so wird man sehen, wie geduldig man rund ums Grünwalder Stadion sein wird – wo Türkgücü erstmal seine Heimspiele austragen wird – wenn die Ergebnisse beim erfolgsverwöhnten Klub nicht passen.

(Autor: Max Kilian)