In der Fremde! Lokomotive Leipzig – BFC Dynamo

(Der nachfolgende Bericht ist erstmalig in der Ausgabe 30 des „Bahnwärters“, dem unabhängigen Fanzine der Fankurve 1966, zur Partie Lok Leipzig gegen den VfB Auerbach erschienen)

Lokomotive Leipzig gegen den Berliner Fussball Club Dynamo. Das klingt nach Tradition, nach DDR-Fussball mit all seinen Skandalen, nach knisternder Atmosphäre und so überhaupt nicht nach viertklassiger Regionalliga. Eine Spielpaarung, von der man in unserer „wunderschönen“ Regionalliga Bauern leider nur träumen kann. Aber Leipzig und Berlin liegen bekanntlich nicht im Horstschen Freistaat und so muss unser FC05 auch in der nächsten Saison hinaus in die bayerische Provinz und über Buchbacher und Seligenportener (falls diese wider Erwarten doch die Liga halten können) Sportplätze tingeln. Zurück nach Probstheida: Der Spieltag begann für den Autor bereits am Donnerstag mit dem Erwerb einer Eintrittskarte im Vorverkauf, da mit einer vollen Hütte zu rechnen war. So waren für das Gastspiel in Leipzig gut 1000 Berliner Atzen angesagt (Stichwort: „Alles Chaoten Aus Berlin“). BFC eben, der auswärts meist mehr Leute im Block stehen hat, als daheeme in Klein-Schwaben. [Wer an dieser Stelle mehr über den BFC und dessen Anhänger erfahren möchte, dem sei die BFC-Fussballfibel von Marco Bertram oder die Spieltags-Ausgabe (No. 29) des Bahnwärters ans Herz gelegt. Ansonsten einfach die guten alten Kanäle zur Stasi reaktivieren.]

Am Spieltag selbst ging es vor der Partie noch schön auf den nahe an der alten Messe gelegenen Flohmarkt, von wo aus schon gut drei Stunden vor Anpfiff hoch über dem Völkerschlachtdenkmal ein Hubschrauber ausgemacht werden konnte. Bereits weit vor den Toren des Stadions waren die Straßen in Blau-Gelb getaucht, zahlreiche Fähnchen wehten an Fahrrädern und aus Autofenstern. Für den Gästeanhang ging es hingegen per Shuttle-Service vom Sonderzug aus Pankow zum Gästeparkplatz. Handgezählte neun Polizeibusse sorgten samt Besatzung und einem Wasserwerfer an der Hauptkreuzung in Probstheida für Sicherheit und in den angrenzenden Grünanlagen beschnupperten sich ein paar Leipziger Kanten und die Beamten in Schwarz. Oder eben umgekehrt. Am Stadion angekommen ging es dank zahlreicher geöffneter Eingänge relativ zügig in Richtung des Ordners, der entgegen meiner bisherigen Leipziger Erfahrungen durchaus freundlich und wohlwollend eingestellt war. Vielleicht lag es an den fehlenden Anabolika?

Im Stadion angelangt ging es zielstrebig zum Stand der Fankurve 1966, der wie gewohnt direkt vor dem Aufgang zu eben jener aufgebaut war. T-Shirts, Sticker, Kalender, Fussballfibeln, Kurvenhefte und natürlich der Bahnwärter warteten dort auf ihre Kundschaft. Der Verkauf schien 45 Minuten vor Anpfiff sehr gut zu laufen und so wechselte die heiße Ware ihre Besitzer. Bepackt mit zwei Kurvenheften und den aktuellen Ausgaben des Bahnwärters galt es die Stufen zur Fankurve zu erklimmen, wo sich gerade vier Liverpooler aus Dresden – (es gibt tatsächlich Briten in Dresden?!) erklärten. Am Zaun hing bereits ein Transparent, welches deutlich machte, dass sich die heute, aufgrund der klangvollen Partie, zahlreich anwesenden Hopper doch bitte nicht in die Fankurve begeben sollten („Hopper geh heem„). Durchaus nachvollziehbar, da es einigen kurvenfremden Besuchern wohl immer noch nicht aufgefallen ist, dass man sich als Gast eben auch dementsprechend zurückhaltend und respektvoll zu verhalten hat. Ungefragtes Fotografieren und Filmen mitten (!) in der Kurve, schön direkt per Megazoom in die Gesichter der aktiven Fans, zählen laut Alt-Meister Knigge nicht dazu.

Der Gästeblock war mit 1.244 BFC-Anhängern gänzlich gefüllt, eine große „Berliner Fussballclub“-Fahne schmückte zu Beginn den Zaun davor auf ganzer Länge. Ansonsten war von den Hauptstädtern, gerade in der ersten Hälfte, bis auf ein paar „BFC – Dynaaamo“-Wechselgesänge und irgendetwas mit Meister, nicht sehr viel zu vernehmen. Wie so häufig bei Auswärtsauftritten des Berliner Fussball Clubs, gab es auch in Leipzig keinen Alkohol im Stadion, Alkoholfreies war angesagt. Die Fankurve 1966 startete ordentlich mit ihrer Trommel und Klatscheinlagen in die Partie, während der Rest des weiten Runds, außer den bekannten L-O-K-Wechselgesängen zwischen Gegengerade und Dammsitz, nicht wirklich zu hören war. So hätte man in einigen Momenten wohl tatsächlich die berüchtigte Stecknadel fallen hören können. Neben den in Probstheida immer wieder sehr schön anzuschauenden (Ausnahmen bestätigen die Regel), zahlreich vorhandenen Zaunfahnen, war ein blauer Doppelhalter in der Fankurve (Stichwort: Broken Heart Fans) der einzige optische Faktor der Loksche, die geschlossenen Schalparaden der FK1966 nicht zu vergessen. Persönliches Highlight unter den heutigen Lok-Zaunfahnen war der Stoff, auf dem der Leipziger Löwe den Berliner Bären verkloppt. Nimm dit, Bär!

Sportlich lief es von Beginn an gut für die Hausherren, die mehr Spielanteile und so bereits nach gerade einmal acht gespielten Minuten zwei Hochkaräter verbuchen konnte. In Minute 10 dann das frühe 1:0 durch einen Freistoß von Daniel Becker. Nach knapp 30 Minuten trifft der BFC zum Ausgleich und der Gästeanhang macht sich nun auch kurz akustisch bemerkbar. Die große Zaunfahne wurde mittlerweile durch zahlreiche kleinere Stoffe – unter anderem „Riot Sport 2005“, „Sport frei“, „Freiheit für unsere Freunde“ – ersetzt. Ein schönes Zeichen bildete die weiße Fahne mit dem stilisierten Konterfei des Kelso Ruben Joao Quiangala, einem BFC-Nachwuchsspieler, der vor knapp einer Woche mit nur 15 Jahren viel zu jung verstorben ist. Nette Geste! Im Block selbst waren die dynamoüblichen großen Fahnen – eine mit dem traditionellen BFC-Dynamo-Logo, die Ultrasfahne mit garstigem Berliner Bär und zwei „Fraktion H – Ost“-Schwenker – zu sehen, die von einigen schwarz-roten Fahnen eingerahmt wurden. Gut fünf Minuten vor dem Halbzeit-Pfiff sah Lok-Akteur Zickert nach Notbremse die rote Karte. Die Halbzeitpause wurde anschließend für einen sonnigen Schweinfurt-Leipzig-Plausch (Hier: Zwei Jacken vs. Da: kurze Hose) genutzt, bevor es in eine denkwürdige zweite Hälfte ging. Eingeleitet wurde diese durch eine Pyro-Show der Berliner, welche so im Vorfeld schon zu vermuten war, da der durchschnittliche Hauptstädter eben gerne mal zündelt. Eine große Blockfahne wurde aufgezogen, unter der einiges an Rauch und ein paar rote Fackeln zum Vorschein kamen. Das war für Regionalliga-Verhältnisse doch ganz schön und nett anzusehen (bei uns im südlichen Freistaat hätte dies vermutlich zum Spielabbruch, zur Spieltagsabsage, zum Ligaausschluss und zu RTL2-zitierfähigen Ergüssen der beiden Rainerchens (Koch/Wendt) sowie zur Erklärung des Ausnahmezustandes durch unseren „schwarzen“ – Wortwitz – Sheriff Joachim Herrmann geführt). Akustisch blieb der Gästeanhang aber weiterhin deutlich hinter den zugegeben hohen Erwartungen zurück, gerade im Hinblick auf die große Personenanzahl. Aber Quantität ist eben bekanntlich nicht gleich Qualität. Notiz am Rande: Zufälligerweise zogen die dichten Rauchschwaden unaufhaltsam in Richtung der zahlreich hinter/unter/neben der Anzeigetafel postierten Beamten. Tja, Karma is eben doch manchmal a Bitch! Punkt für Berlin.

In die Rauchshow hinein dann das 2:1 für die Gäste, die Partie schien für die Lok in Unterzahl mehr oder weniger gelaufen zu sein. Doch weit gefehlt: Zwar drückte der BFC nun auf das vorentscheidende 3:1, die Lokomotive hielt jedoch mit Leidenschaft, Einsatzwille und Kampfgeist dagegen, was von der FK1966 und nun auch vermehrt von anderen Teilen der Zuschauer honoriert wurde. Unterzahl?! Na und?! Jetzt erst recht! In der 77. Spielminute netzt Djamal Ziane dann tatsächlich zum 2:2-Ausgleich ein, das Bruno-Plache-Stadion – den Gästeblock ausgenommen – ist nun wieder voll da. Es wird laut: FUSSBALL LEIPZIG LOK hallt es durch das weite Rund, die Fankurve peitscht die Mannschaft nach vorne und plötzlich sind auch die Gegengerade und der Dammsitz wieder gut mit dabei. Hier lag etwas in der Luft! Als Felix Brügmann in der 89. Minute zum 3:2-Siegtreffer für Leipzig einnetzt, brüllt die ganze Hütte: Danke – Danke – Danke! Bitte – Bitte – Bitte! Dann ist die Partie aus und der Autor dieses Textes verlässt insgesamt zufrieden, wie ein Großteil der 5.401 Zuschauer, Probstheida, um bald wieder hierher zu kommen. Dann eventuell auch mit dem Fahrrad, nur ohne Lok-Fahne am Lenker, was dann doch ein wenig zuviel des Guten wäre.

  • Datum: 02.04.2017 – Anpfiff: 13:30 Uhr
  • Spielstätte: Bruno-Plache-Stadion, Leipzig
  • Spiel: 26. Spieltag der Regionalliga Nordost (4. Liga)
  • Ergebnis: 3:2
  • Tore: 1:0 Becker (10.) – 1:1 Srbeny (27.) – 1:2 Srbeny (52.) – 2:2 Ziane (77.) – 3:2 Brügmann (90.)
  • Zuschauer: 5.401 (davon 1.244 Berliner im Gästeblock)

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